Scheinnachten

Erst war die Gans gestopft, nun sind wir es. Zwei Kilo mehr an Gewicht nach den Feiertagen brauchen ihren Anfang. Die Geschenke sind ausgepackt, die Kinder toben im Haufen der Geschenkpapierüberreste und lassen die Geschenke links liegen. Geschenkeherbst. So schnell.
Irgendwann sind die Kinder im Bett. Eins mit allen neuen Spielzeugen, eins nur mit seinem alten Teddy. In einer Ecke des Raumes werden die Werte der Geschenke geschätzt und gegeneinander aufgewogen. Die ersten Geschenke sind defekt und andere liegen auf dem Haufen zum Umtauschen. Die Rechnungen, Quittungen, Kreditkartenabrechnungen, Bons und Garantiekarten werden bereits bereit gelegt.

Noch später stehe ich in der Küche mit einer leeren Wasserflasche in der Hand.
- Die Flaschen mit dem blauen Deckel pack mal nachher in unsere Kiste; die mit dem roten Deckel sind von hier.
- Ich blicke auf die leere Flasche und auf die 25 Cent, die es dafür zurück gibt.
Es gibt mindestens zwei Möglichkeiten. Ich entscheide mich für die dritte.

Ivarn

Ich fühle mich wie kalte Köttbullar mit viel zu heißer Preiselbeersoße auf getrennten Tellern. Wer kommt schon am Samstag auf die Idee, zu Ikea zu fahren? Da stehe ich, renne Kindern hinterher oder sie mich über den Haufen. Verständnisvollen Mitkonsumenten fahren mir in die Haken, umkurven mich im Fallen, helfen mir danach viel zu freundlich wieder auf, um mir dann etwas wegzuschnappen, dass in einem halben Jahr auch bei uns den Keller wohnlicher gemacht hätte.

Wer kommt schon am Samstag auf die Idee, zu Ikea zu fahren?

Wir wollten doch nur einen Tisch. Einen Esstisch, groß genug für alles, was jetzt nur Platz hat, wenn die Kinder eine drei Viertel Stunde komplett ruhig sitzen und kein weiterer Gast kommt. Einen Esstisch, groß genug für alle, die daran Platz finden sollen.

Ein Tisch, auf dem alles darauf Platz hat? Ein Tisch, an dem alle Platz haben? Der Gedanke lässt mich grinsen. Nein, ich bin nicht im Ikea-Family-Club. Und ja: ich freue mich, dass mein Tisch gedeckt ist und viele davon speisen können.

Hauptsache

Mit dem Kopf durch die Wand gewollt. Und nicht die Stirn dafür gehabt.

Zuviel Gefühl auf den Kopf gehauen. Und vor den Kopf gestoßen. Selbst Hals über Kopf verliebt. Und die Augen aus dem Kopf geweint.

Mit kleingeistigen Großkopferten Gedanken-Kopfstand geübt. Die Ideen in Geiselhaft, den Kopf nicht frei bekommen und den Kopf in den Sand gesteckt.

Alkohol im Pro-Kopf-Verbrauch. Kopfschmerzen bekommen. Den Kopf nicht hängen lassen, etwas kopflos geblieben und mit den Jungs Kopfbälle geübt.

Kopflos geflüchtet, den Koffer stehen lassen, kopfüber die Rolltreppe runter, geschaut, in welchem Kopfbahnhof diese Reise endet und wie der Soundtrack zum Kopfkino während der Reise klingt.

Im Kopf-an-Kopf-Rennen gegen mich selbst verloren. Und mir auf den Kopf zugesagt, dass ich mich wiederfinden muss.

Kopfarbeit, das hier, oder? Dieses Leben?

["Zuviel Gefühl auf den Kopf gehauen" aus *auf dich hab ich gewartet* von Annett Louisan]

es scheint

Ich könnte zittern vor Wut. Und sie dann rauslassen. Brüllend, tobend oder leise zischend. Ich könnte in einer Ecke sitzen, die Arme um meine Knie gelegt und warten. Auf Antworten, Eingebungen oder Verzeihung. Ich könnte betteln, bitten, beten. Die Augen geschlossen und die Bilder vorbeiziehen lassen, den Geschmack von Vergangenheit im Mund, die Hoffnung auf Licht, Wärme, Zukunft in einem Winkel verborgen, den ich noch nicht kenne. Ich könnte meiner Trauer, Enttäuschung, meiner Unkenntnis über mich selbst Raum und Zeit geben. Mein Selbstverständnis, mein Selbstbild, meine Eitelkeit könnten schmelzen und ich könnte mich im Selbstmitleid davon treiben lassen.
Ich könnte in meinen Notizblog schreiben, anrufen, einen Brief schreiben oder eine SMS. Ich könnte Schweigen gegen Silber tauschen. Ich könnte Sachen schreiben, denken, sagen wie: Ein guter Rat von einem, der dich liebt / halt die Versprechen, die du gibst. Und dann an meine eigenen Fehler denken. Ich könnte so vieles tun oder lassen.

Jedoch im Moment sitze ich hier und da ist nur Platz für diesen einen Gedanken. Dass es egal ist wo man die Linie zieht. Zwischen links und rechts, zwischen Feinden und Geliebten, zwischen Flüchtigen und Zugezogenen, zwischen dem der vor dem Spiegel steht oder dem den man dahinter sieht:

Es gibt auf beiden Seiten jeder Linie Arschlöcher, Sünder und Geliebte.